Ein (abstraktes) Plädoyer gegen abstrakte Diskurse
Ein Kommentar von Ursula Schneider
Als “zum Thema:”-Leserin, die sich gelegentlich am abstrakten Diskurs beteiligt, sei es mir gestattet, ein paar Anmerkungen anzubringen, zu welchen einige wertgeladene Beiträge der letzten Zeit mich provozierten.
Ein Plädoyer gegen Diskurs ist eine Provokation. Auch der Aufruf gegen Abstraktion kann nur einer zutiefst anti-aufklärerischen Dumpfheit entsprungen sein. Weiß doch jedes je mit den Resten Humboldtscher Bildungsideale Bekannschaft gemacht habende Kind, daß Diskurs und Abstraktion Audruck jener Vernunft sind, mit der es gelingen kann, die condition humaine ständig zu verbessern. Was also ficht mich an? Genau genommen habe ich weder etwas gegen Diskurs noch gegen Abstraktion, aber sehr viel gegen folgende Erscheinungsformen akademischer Auseinandersetzung, die dazu beitragen, daß die Bezeichnung “Intellektueller” in handlungsorientierten Kreisen als Schimpfwort kursiert.
“The only thing they ever jump to
are improper conclusions.”
(J. Lewis)
Erstens stört mich die Unverbindlichkeit, welche der abstrakten Beobachtung eigen ist. Wähle ich meine Abstraktionsebene nur hoch genug, lösen sich die Widersprüche scheinbar auf, mit denen sich Normalsterbliche auf der schmutzigen Ebene des Handelns auseinanderzusetzen haben: Neue Techniken sind dann problemlos als rein destillierter Fortschritt, Liberalisierung und Deregulierung undifferenziert als Heilsbringer und Investoren, ohne Unterscheidung, als Säulen der Gesellschaft zu glorifizieren; oder eben als das Gegenteil zu verteufeln, denn hoch abstrakte Darstellungen erlauben es, das intellektuelle Werkzeug für die Untermauerung jedes (beliebigen) Standpunktes einzusetzen. Ein Intellektueller kann sich fast alles erlauben, solange er es nur richtig argumentiert, könnte man in Abwandlung von Professor Higgins sagen. Als Hypothesen und Zukunftsträume würden mich derlei Aussagen überhaupt nicht stören: Es gäbe dann eben tiefschwarze, zitronengelbe und rosarote Szenarien als Angebote in der intellektuellen Frühjahrskollektion.
Doch so bescheiden treten die Spekulationen ja nicht auf. Sie geben sich als Realitätsaussagen, generalisieren unzulässig, werten implizit, aber heftig. Da man als abstrakter Beobachter den Sündenfall der Entscheidung nicht zu vollziehen braucht, ist ein Touch von “Schulmeisterei und Besserwissertum” unvermeidlich: ein unangenehmer Nachgeschmack, gegen den nur unmittelbares Sich-Einlassen auf die Welt (auch Leben genannt) als Kraut gewachsen ist. Aber gibt es ein Leben vor dem Tod? Jenes der intellektuellen Auseinandersetzung scheint eher eines in Quarantäne zu sein. Da sitzen wir im gelobten, durch Prämissen sterilisierten Land und verwechseln unser Ellis Island mit Amerika.
Wie also wäre besser zu verfahren? Zwei Aspekte scheinen mir bedeutsam. Zum einen mehr Sich-Einlassen auf die Paradoxien des Lebens, auch wenn das zu Lasten der Reinheit der Lehre, bzw. der Schlauheit der eigenen Darstellung geht. Zum anderen mehr Bescheidenheit in der Aussage; weniger Sprünge vom erforschten Einzelphänomen (z.B. der Veränderung von organisationsinterner Kommunikation durch email) auf eine vermutetete glorreiche Gesamtheit (z.B. den globalen Durchbruch von Basisdemokratien wegen des Internets).
“Wenn du mit einem Fuß auf einer Herdplatte stehst,
und mit dem anderen auf Eiswürfeln, ist Dir im
Durchschnitt angenehm warm.“
Zum zweiten stören mich handelnde Abstrakta, mit denen statistisch verfahren wird. Wenn das Unternehmen eine Wissensvision entwickelt, die Mittelbetriebe innovieren und Netzwerke einander Konkurrenz machen, dann liegt einerseits eine verdurchschnittlichende Gesamtaussage vor, welche häufig mehr ideologisches Programm als empirische beobachtbar ist. Andererseits bleiben die angedeuteten Vorgänge oft unbestimmt oder einseitig. Jede Banalaussage (à la wir wollen die Schönsten, Größten und Flexibelsten sein) gilt als Vision. Es wird übersehen, daß in einem Markt gut verankerte Teilnehmer meist mindestens so stark kolludieren, wie sie konkurrieren. Schließlich zielt bei näherer Betrachtung ein Gutteil des betriebswirtschaftlichen Instrumentariums darauf ab, genaue jene Transparenz und Vergleichbarkeit auszuschalten, die makroökonomisch als Konkurrenzvoraussetzungen definiert sind. Wenn hier nicht Roß und Reiter benannt, die Handelnden und ihre unterschiedlichen Interessen also berücksichtigt werden, sind zwar große Worte möglich, auch wunderbare Sandkastenspiele ideologischer Auseinandersetzung, aber kaum Erkenntnis. Letzteres gilt ausdrücklich nur für jene Mehrheit, die einen abstrakten Code verwendet, den sie nicht selbst auf Basis von Erfahrung gebildet, sondern z.B. in Jahren schulischer und universitärer Prägung als seiner impliziten Komponenten entkleidetes -”nacktes” – explizites Wissen aufgenommen hat. Wer Abstraktion einsetzt, um ein selbst erforschtes Feld kürzer und prägnanter zu beschreiben, ist hier nicht gemeint. Doch, wieviel Promille von dem Wissen, mit dem wir alle um uns werfen, können noch selbst erfahren, selbst gedacht sein?
Mein Plädoyer hier steht also für die Einlassung aufs Konkrete, die Verbindung der codierten Spitze des Eisbergs mit ihren lebensweltlichen Grundlagen. Die Verselbständigung des Code als intellektuelles Produkt schafft zwar einen eigenen Markt (der Reputation und politischer Scheingefechte), aber kaum lebensweltlich relevante Lösungen. Den elfenbeinernen Turm gibt es offenbar nicht nur in Universitäten, er steckt auch in vielen Köpfen, insbesondere jener, die auf gesellschaftlichen Stabstellen sitzen (wissensmäßig interpretiert: Beobachter- und Deuterposten) – und das sind, wie uns die Statistik mitteilt, immer mehr.
“Ach Formulierung entfalt dich doch-
du bist so schön.”
Eine dritte Irritation abstrakter Texte sei hier nur kurz angedeutet. Selbstverliebte Schreiber neigen dazu, der Eigendynamik des Schreibens seinen Lauf zu lassen. Das dürfte für die Schriftstellerin ein erfolgreicher Weg sein, sich von ihrer Geschichte ebenso führen zu lassen, wie sie sie selbst führt. Bei Aussagen, die – auch wenn sie in der Präambel als konstruktivistisch bezeichnet werden – letztlich doch implizieren, über oder für die Welt geschrieben zu werden, ist Eigendynamik von Texten hingegen bedenklich. Wenn es, wie Einstein sagt, schwieriger ist, eine vorgefaßte Meinung zu zertrümmern als ein Atom, dann ist eine Meinung, die nicht als solche auftritt, sondern sich in dicke Mäntel ästhetischer Formulierungen hüllt, praktisch unangreifbar.
Hier lautet mein Plädoyer dafür, klar, knapp und einfach zu schreiben, mit so wenig Fremdworten und andeutungsschwangeren Querverbindungen zum klassischen oder hochmodern-technischen Bildungsgut wie möglich. Das mag den Schreiber schmerzen; auch manche Leserin wird die intellektuell-ästhetische Stimulierung vermissen. Der Sache jedoch wird es dienen, denn sie wird klarer und konkreter angepackt werden.
Faseln (pardon fassen) wir also zusammen:
Dies war ein beinhartes Manifest für
- ein Sich Einlassen auf das Paradoxe und damit das Leben
- Bescheidenheit in der Aussage, obwohl sich große, starke Worte in Zeiten wie diesen deutlich besser verkaufen als Zurückhaltung
- Bekennen von Farbe und weniger geistiges Hedging
- einfache, klare Darstellungen ohne intellektuell-artistische Schnörkel.
Das Manifest bezieht sich nicht auf ein bestimmtes Thema, sondern vielmehr auf eine bestimmte unbestimmte Art, mit Themen umzugehen. Es ist ausdrücklich kein Plädayer dafür, sich – wie über die Medien kolportiert – auf das Empfangsniveau eines geistig wenig herausgeforderten Elfjährigen einzustellen. Es ist kein Plädoyer dafür, immer gleich Lösungen anbieten zu müssen, wenn man kritisiert. Und es ist erst recht kein Plädoyer dafür, Phantasie und Initiative durch das Gewicht des Machbaren niederdrücken zu lassen.
Doch die “guten Seiten” der Intellektualität waren heute nicht mein Thema. Schließlich habe ich hier für mehr Mut zur Aussage plädiert – und gegen Fremdworte, deren ich sicher eine ganze Menge in diesem durch und durch abstrakten Text gebraucht habe, der vor “bedeutungsvollen” Querverweisen trieft.
Glauben Sie keinem Dogma, auch diesem nicht.
Univ.-Prof. Dr. Ursula Schneider leitet nach Tätigkeiten in der Steuerberatung und an öffentlichen und privaten Universitäten in den USA und Deutschland zur Zeit das Institut für Internationales Management an der Universität Graz. Sie ist seit vielen Jahren in der Wissensbranche tätig.
“zum Thema:” Nr. 27, 26.3.1999