“Die Wirtschaft wird als ‘Investoren-Ökonomie’ kulturbildend werden”
im E-mail-Diskurs mit Birger P. Priddat
zum Thema: Prof. Priddat, wenn man heute die Wirtschaftsbeilagen seriöser Zeitungen liest, hat man nach der Lektüre den Eindruck, daß im wirtschaftlichen Leben nur mehr eines zählt: Investitionen. Und zwar Investitionen im großen Stil, die mit dem Kapitaleinsatz, der zur üblichen unternehmerischen Praxis gehört, nur mehr bedingt etwas zu tun hat. Der Investor, der Entrepreneur, der neue Produkte oder gar ganze Branchen initiiert, ist das große Thema; er wird als Zentralfigur der Ökonomie präsentiert, ohne die gar nichts geht.
Was ist nun an diesem Kult rund um den Entrepreneur dran: Haben wir es mit einer echten Strukturveränderung zu tun, in deren Verlauf der Investor aufgewertet wurde, oder ist nur – speziell in Europa – auf einmal eine Figur des ökonomischen Systems ins Blickfeld gerückt, die zuvor schlicht und ergreifend lange Zeit nicht beachtet wurde; zumindest in der breiteren Öffentlichkeit nicht?
Birger P. Priddat: Ich glaube nicht, daß es einen ‘Kult des Entrepreneurs’ gibt, jedenfalls nicht in Deutschland. Natürlich haben einige der guys and girls ein gutes Händchen, wie Stollmann ehemals oder der Inhaber von MobilCom. Auffälliger sind vielmehr die Unternehmenskäufe und -verkäufe (mergers & acquisitions). Hierbei werden Märkte bereinigt, Kompetenzen zusammengefaßt, Oligopole vorbereitet. Mergers allerdings sind kollektive Veranstaltungen, an denen sehr viele Manager, Stabsleute, Juristen und finance-men mitarbeiten. Von einem Heroismus individueller Entrepreneurs kann hierbei gar keine Rede sein.
Die finanzielle Transaktion ist aber letztlich nur das Vorspiel zur ‘post-merger-integration’, die häufig nicht gelingt, weil es eine größere Kunst ist, zwei oder mehrere Unternehmen zu integrieren, zur Zusammenarbeit zu bringen, als Geld zu bewegen. Ebenso schwierig ist es, neue Märkte zu erschließen, sei es über neue Produkte, Dienstleistungen oder Kooperationen. Solche Prozesse zu managen ist eine größere Leistung als die finanziellen deals, die so en vogue sind und gelobt werden. ‘Investitionen im größeren Stil’ sind finanzielle Transaktionen, von manchen finance-men ‘easy money’ genannt. Das ist natürlich gehörig untertrieben, aber es gibt eine Tendenz des ‘leichten Geldes’, bei der es um Transaktionschnelligkeit geht, um Bewertungsdifferenzen auszunutzen.
Die Glorie, die sich um diese financal transactions rankt, ist ein aufgewärmter altabendländischer Händlermythos (mit den gleichen Gegenargumenten), ohne Produktion – gleichsam ‘arbeits-los’ – großen Profit zu machen. Die Unwahrscheinlichkeit dieses Vorganges, schnell und glückhaft (von den Unglücken reden wir in einer ganz anderen, in einer Erschrockenheitsterminologie) viel Geld zu generieren, läßt Zauberei im Spiel vermuten. Hier beginnt die moderne Mythologie: sieben auf einen Streich! Wer schnell viel Geld macht, hat Zeit für die performance seines Stils.
Doch auch der Mythos des ‘gestylten Arbeitslosen höherer Ordnung’ liegt schief. Natürlich müssen auch die money-makers arbeiten wie die Wilden, sind ‘overstressed’, verschwinden beim nächsten desaster in der Versenkung der Namenlosigkeit etc. Der ‘Kult des Entrepreneurs’, den Sie lesen, ist ein Pendant des Glaubens, wir lebten in einer hyperindividualistischen Gesellschaft. Dann muß die Wirtschaft auch ihre hyperindividuals bekommen. In Zeiten großer Konzerne sind individuelle Entscheidungen der größte Mythos. Deswegen werden die kleinen Pioniere so herausgestrichen, die üblicherweise, wie man weiß, in Garagen Software entwickeln. Man weiß auch, redet aber weniger darüber, daß die kleinen Garagengründer dann, wenn sie erfolgreich sind, schnell aufgekauft werden. Nur die wenigsten bleiben selbständig, gründen Familienunternehmen oder ähnliches. Oft sind diese start-up’s nur Zwischenstationen in der Angestelltenkarriere, mit erhöhter einmaliger Auszahlung, damit man sich 3 Porsche kaufen kann statt einem.
Man kann nur sehr bedingt davon reden, daß Investoren aufgewertet werden. In einer Mediengesellschaft wollen sie nicht mehr nur stille Teilhaber sein, sondern die gleiche performance bekommen wie die Manager. Selbst venture capital ist keine Tendenz zu karitativer Neigung, sondern eine Art von Spiel, ein Portfolio von Innovationschancen zu finanzieren, zu hohe Beteiligungswerten, um mit 10 % Chancen ungeheuer zu gewinnen, bei Verlust der anderen Chancen.
Alles in allem: alte Ereignisformen, die aber neu verkauft werden. Das ist natürlich ein signifikanter Unterschied: überall Märkte entwickeln, auch in den Sphären, die bisher als non marketable galten. Insofern wird der Innovateur zum beherrschenden Typus, indem er z.B. nicht nur Unternehmen kauf/verkauft, sondern sich selbst gleich mit.
zum Thema: Vielleicht hätte ich sagen sollen, daß es einen Kult um die Investition gibt? Wahrscheinlich, weil Investor oder “Entrepreneure” so nach Einzelkämpfer klingt. Ich hatte aber weniger Heroen im Sinn, sondern Investoren ganz allgemein, seien es Großfirmen, Business Angels oder Fonds.
Also muß ich meine Frage reformulieren: Gibt es einen Kult um die Investition? Ich zitiere dazu nur die “WirtschaftsWoche” vom 4. März dieses Jahres: “Geringere Gewinne”, so heißt es in der Titelstory, “führen zu geringeren Investitionen, die dringend benötigten neuen Arbeitsplätze werden nicht geschaffen”. Und in dieser Tonart geht es weiter, durch das ganze Heft: Wichtig sind Investitionen und noch wichtiger die großen Investoren, deren Kapital mutig eingesetzt wird und die Wirtschaft vorantreibt. Wobei die “WirtschaftsWoche” mit solchen Ansichten sicher keine Ausnahme ist.
Eine Teilantwort haben Sie ja schon gegeben, wenn Sie daran erinnern, daß eine gewaltige Fusionswelle rollt und bei dieser nicht gerade von Investitionen gesprochen werden kann. Ebenso ist es eine Antwort, wenn Sie auf die vielen Start-ups verweisen, die sich sehr bald aufkaufen lassen. Und trotzdem: Ist in diesen beiden Fällen nicht auch die Investitionslogik in Gang? Und warum haben die Medien diese auf einmal so im Blickfeld? Wirklich neu ist sie ja wohl kaum…..
Birger P. Priddat: Sie haben Recht: Es ist zu unterscheiden zwischen dem Kult um die Entrepreneurs und der ‘großen Investitionsideologie’. Natürlich ist es nichts Neues (seit Adam Smith), daß Gewinne Kapitaleinsatz möglich machen und Arbeitsplätze schaffen. Nur ist hier gehörig zu differenzieren:
1. schaffen Investitionen nicht automatisch Arbeitsplätze bzw.
2. nicht mehr automatisch so viele wie früher und
3. differenziert nach Branchen und dem Niveau des technischen Fortschritts.
Die alte Wachstumsmetapher ‘Gewinne = Investitionen = Investition in Arbeit’ gilt nicht bruchlos – sonst bräuchte man die Theorie der Volkswirtschaft nicht. Durch den technischen Fortschritt ändert sich die Produktionsfunktion; pro investiertem Teil Kapital wird relativ weniger Arbeit angestellt. Man muß sich bei jeder Investitition die Arbeitsintensität ansehen, um den tatsächlichen Beschäftigungszuwachs zu bemessen. Aber generell gilt die Metapher natürlich: Wo die Gewinne zurückgehen, muß gegebenenfalls reduziert oder entlassen werden. Und Beschäftigung nimmt nur durch Investitionen zu.
Es fragt sich allerdings, worin investiert wird: in beschäftigungswirksame Maßnahmen oder in money. Auch money markets bzw. capital markets erzeugen Beschäftigung – als neue Dienstleistungsbranche. Es wäre müßig, darüber nachzudenken, was wäre, wenn Gewinne eher in traditionelle Produktionen und Dienstleistungen investiert würden: Märkte entscheiden nach optimalen Gewinnchancen, nicht nach Industriestrukturen. Auch der Wunsch, der Staat solle Steuern nachlassen, entscheidet noch nicht unmittelbar darüber, ob mehr in Produktion und Dienstleistung investiert wird; auch hier gilt die Gewinnchance mehr als der Kostennachlaß. Doch sind die Kosten, die u.a. der Staat durch Steuern generiert, immer relativ zu den Gewinnen, die tatsächlich erreichbar sind, zu sehen. Kostenprobleme sind auch Marktprobleme der Unternehmen, d.h. z.T. auf schlechtem Management beruhend. Soll der Staat die Steuern senken, weil Unternehmen z.T. schlecht wirtschaften, Marktchancen nicht aufnehmen, nicht risikobewußt agieren? Man sieht, daß es auf die konkreten Fälle ankommt.
Dennoch ist die Frage berechtigt, warum diese generelle Linie aktuell so stark thematisiert wird. Es ist vornehmlich politische Rhetorik. Man will ‘den Staat’ überzeugen, daß er Gewinne so wenig wie möglich besteuert. In einer globalisierten Marktwelt können Unternehmen drohen, den Standort zu wechseln (vgl. letztens die Drohungen der großen Energieversorger und der Versicherungen auf die Steuergesetzgebung der rot/grünen Koalition). Das Drohpotential ist natürlich größer, je größer das Unternehmen ist. Sehr große Konzerne können gleichsam ‘persönlich’ drohen. Doch enthält die Drohung etwas anderes als die Argumentation der Wachstumsmetapher.
Man sagt nicht, daß Gewinnbesteuerung mögliche Investitionen senkt und daß deshalb weniger zusätzliche Arbeitsplätze entstehen würden. Man sagt vielmehr etwas anderes: Wenn ‘der Staat’ nicht eine kostenentlastende Steuerpolitik fährt, werden Arbeitsplätze (und Steuerquellen) abgebaut. Man droht nicht mit der Senkung potentieller Investitionen, sondern mit Desinvestition. Diese Unternehmen betrachten ‘den Staat’ als eine eigene Form des Marktes, auf dem sie Steuerpotentiale verhandeln, weil sich ihnen Alternativen bieten. Natürlich sind die Kosten der Realisation dieser Alternativen gegenzurechnen, weshalb nicht jede Drohung gleich völlig ernst genommen werden muß. Aber zu der seit längerem schon möglichen weltweiten Finanzanlageoptimierung kommt eine weltweite Anlagekapitalverteilungsmöglichkeit hinzu, inklusive der Arbeitsplätze.
Real- und monetäres Kapital sind beweglicher geworden. Hier helfen keine nationalen Steuer- und Subventionspolitiken mehr ausreichend aus, obwohl sich auch hier ein Systemwettbewerb (z.B. im europäischen Rahmen) herstellt. Es kommt dann wirtschafts- und steuerpolitisch darauf an, welche Vorteile die jeweiligen nationalen Steuer-, Sozial-, Subventionssysteme etc. bieten. An diesem Tatbestand werden sich die nationalen Industrie- und Dienstleistungsstrukturen neu verteilen. Der deutsche Vorteil ist ein hoher Qualifikationsstand. Hier wird der Staat mehr leisten müssen, um die Bildungsinfrastruktur zu halten bzw. zu erhöhen. Es zeigt sich, daß der ‘Kult der Investitionen’ zuerst einmal nur ein Ausdruck der erhöhten Mobilitätschancen von monetärem wie Realkapital ist. Der Nationalstaat hat ‘seine Wirtschaft’ nicht mehr territorial gesichert. Folglich wird die Politik sich umstellen müssen, um wirtschaftliche Attraktoren zu erzeugen.
Auch der Staat wird stärker als bisher in Investitionskategorien denken und handeln: Welche Infrastrukturen, welche Formen sozialer Systeme sind angemessen, damit er gewinngenerierende Unternehmen hält (oder zusätzlich anzieht), die die Politik, die er fährt, später auch finanzieren. Die ‘Erträge’ des Staats sind die erhöhten Steuereinnahmen nach erfolgreicher ‘Investition’. Wir werden es mit einer Umstellung der staatlichen oder Wirtschaftspolitik zu tun bekommen. Der ‘Kult der Investition’ wird sich auf den Staat ausweiten.
Zuletzt: Der Mut, der an den neuen Investitionen und Investeuren gelobt wird, ist nichts anders als die Beschreibung von hochkompetitiven Märkten, in denen man sich nicht anders bewegen kann bzw. um aus ihnen herauszukommen, muß man in neue Märkte eindringen, und das agressiv und schnell, um Gewinne zu erreichen. Es fehlen schlicht die monopolistischen oder oligopolistischen Strukturen, die eine ruhigere Gangart zulassen. Der neue Mythos der großen Investitionen’ hat sein reales Pendant in der Verkompetitisierung (Verwettbewerblichung) der Märkte, in denen, weil das Kapital so mobil geworden ist, alte Strukturen aufgebrochen werden, so daß sich auch die ‘langsamen Riesen’ neu behaupten müssen.
Wir stehen lediglich in einer Phase erhöhten Wettbewerbsdrucks, mit allen bekannten Folgen, mit einer darauf unvorbereiteten Politik. Das wird Verwerfungen geben. Wenn Kapital ‘flüssiger’ wird, rinnt es überall hin, bis sich zeigt, wo die tatsächlichen Gewinndomänen liegen. Der ‘kalte Kapitalismus’ kommt in eine ‘heiße Phase’.
zum Thema: Die “Rhetorik der Innovation” ist also wirklich nur Rhetorik. Zugleich ist sie es aber doch wieder nicht, wie ich aus Ihrer Aussage, daß auch der Staat zukünftig in den Bahnen der Investition wird denken müssen, schließe. Kann man deshalb aber sagen, daß wir in einer “Investoren-Ökonomie” leben?
Peter Drucker deutet das ja immer wieder an, wenn er etwa meint, daß die Direktinvestitionen das heute wirtschaftlich wirklich Wichtige wären. Die Investoren würden die Felder bestellen, auf denen es etwas zu ernten gibt; der Rest – etwa der Handel – käme immer erst einen Schritt später. Stimmt das, oder ist das monokausales, monodimensionales Denken? Muß man nicht vielmehr in ganzen Bündeln von übereinandergreifenden wirtschaftlichen Kräften denken, wenn man die aktuelle Situation beschreiben will; so, wie man das immer schon mußte?
Sie haben ja schon darauf hingewiesen, daß wir lediglich eine Phase erhöhten Wettbewerbs erleben und vieles, was zur Beschreibung dieser ökonomischen Situation dient, in Wirklichkeit unter die Rubrik “Mythen und Märchen” fällt….
Birger P. Priddat: Die Rhetorik, die ‘also wirklich nur Rhetorik’ ist, ist deshalb nicht wirkungslos. Vorsicht gegenüber dem ‘nur’! Investiert wird in einer Wirtschaft ständig. Warum redet man plötzlich davon, als sei es etwas Außerordentliches? Die Medien sprechen so aufgeregt davon, weil die Phänomene noch nicht sortiert sind. Die Rhetorik hat Ursachen.
Ich möchte folgende These aufstellen: Die Rede von der ‘Investoren-Ökonomie’ unterscheidet sich von dem allenthalben ausgesprochenen Wunsch nach ‘Innovation’. Man denkt es zwar zusammen, aber – nun meine These – der aufschäumende Unternehmenskauf (mergers & acquisitions), der einen Hauptteil der neuen ‘Investoren-Ökonomik’ ausmacht, ist ein Substitut für Innovationen. Anstatt selber neue Märkte zu eröffnen oder Produktinnovationen durchzusetzen, kauft man sich in Märkte ein. Die ‘Innovation’ besteht darin, daß eine Unternehmen, daß bisher x hergestellt und vertrieben hat, nun in einen für die Firma völlig neuen Bereich y geht. Man kann so ‘innovativ’ sein, ohne ‘innovativ’ sein zu müssen: ‘Wir machen jetzt etwas völlig Neues!’.
Zugleich ‘verschlankt’ sich der Innovationstopos auf solche Investitionen, die hohen Profit generieren. Warum soll sich ein Unternehmen um das hohe Risiko von Innovationen bemühen, wenn es durch Finanzinvestitionen dasselbe erreichen kann, zumal das Risiko bei einem schon auf dem Markt eingeführten Unternehmen, das man aufkauft, abschätzbarer erscheint? Wenn man – über die shareholder value-debatte – das Firmenziel vornehmlich darin sieht, die Renditen zu maximieren, ist das Thema ‘Innovation’ sekundär, eher ein zusätzliches Risiko, das man gerne jungen Unternehmensgründern überläßt, die man, wenn sie erfolgreich werden sollten, dann aufkauft.
Wir haben es heute – ich denke, vorübergehend – mit einer Fokussierung auf schnelle und hohe Renditen zu tun. Die mergers & acquisitions sind ein eigener Markt geworden: das ist eine (Finanz-) Innovation, wenn man so will. Zugleich haben wir es mit einem altbekannten Phänomen, mit neuen finanzmarktlichen Mitteln, zu tun, daß finanzstarke Unternehmen sich ihre Konkurrenz aufkaufen. Das sind Bewegungsformen der Wirtschaft, die dann den kultischen Titel der ‘Investoren-Ökonomie’ bekommen oder ähnliches. Das ändert natürlich die Marktstrukturen, das entfaltet natürlich neue Märkte (für mergers und Finanzdienstleitungen), das kreiiert natürlich neue Typen (so daß sich altgediente Manager und Vorstände plötzlich vor jungen, 27jährigen tough guys rechtfertigen müssen, warum sie nur Renditen von 5 % erwirtschaften und warum sie ihr Anlagekapital dann noch in der Firma halten sollten). Insofern hat die Rhetorik einen Zweck. Die Rhetorik dient dazu, diese Prozesse zu stützen, zu legitimieren.
Warum taucht hier ein Legitimationsproblem auf? Weil die alte Differenz zwischen ‘wirklicher Produktion’ und Spekulation im Hintergrund in den Köpfen spukt. Der Kapitalismus legitimiere sich, wenn er Produkte und Dienstleistungen erstellt, die einen Gebrauchswert für die Gesellschaft haben (und sei es, daß er Arbeitsplätze schaffe). Der Rest sei Spekulation. Hier regt sich unser abendländisch-aristotelisch imprägniertes Gewissen, daß Gelderwerb um des Gelderwerbs willen unsittlich sei. Gleich, wie nüchtern wir sind: diese Topik ist uns eingebrannt. Folglich muß eine ‘Investoren-Ökonomie’, die sich wesentlich auf mergers & acquisitions stürzt, ein Recht bekommen, das tun zu dürfen, damit unserer abendländisches Gewissen ruhig bleibt. Das wird umso wichtiger, wenn sich herumspricht, daß sehr viele der finanziell gut bewältigten mergers an der ‘post-merger-integration’ scheitern. Bei der Arbeit des schnellen Geldverdienens und Marktbereinigens hat man oft übersehen, daß sich hier verschiedene Unternehmenskulturen finden müssen. Making money ist nicht folgenlos; die Kosten der Integration sind im Grunde von vornherein in die Transaktionen einzurechnen. Wenn man das tut, sinken die Profitmargen, und viele Investitionen dieser Art unterbleiben. Dann allerdings schmölze das ‘Märchen’ von der -eindimensional ausgelegten – ‘Investoren-Ökonomie’ auf den harten Kern dieser Investitionen, die immer gemacht werden.
Wir haben es mit evolutorischen Schüben zu tun, die die Wirtschaft erfassen, bis sie sich auf das Maß korrigiert, das ihr verträglich ist, um dauerhaft gewinnfähig zu bleiben.
zum Thema: Investitionen haben also, wenn ich Sie richtig verstehe, genau besehen den gleichen wirtschaftlichen Stellenwert wie eh und je zuvor: Sie sind wichtig, machen aber nicht die ganze Wirtschaft aus. Und sie haben sich “strukturell” verändert, wie ich dem Verweis auf die “evolutorischen” Schübe zu entnehmen meine.
Doch was hat diese Evolution nötig gemacht? Woran muß “Investieren” als wirtschaftliche Handlung heute angeglichen werden? Die Makrostrukturen haben sich ja offensichtlich nicht verschoben, denn es geht, wie Sie schreiben, weiterhin um Wettbewerb und Märkte, mithin um ganz normalen Kapitalismus. Die Änderungen müssen folglich auf einer anderen Ebene passieren – auf welcher? Und was für Auswirkungen haben diese Veränderungen sonst noch? Welchen Konnex gibt es da beispielsweise zur Arbeitswelt hin?
Ich gebe dazu nur ein Stichwort: “Unternehmer seiner selbst”…
Birger P. Priddat: Jetzt kommen Sie auf die ‘Innovations’-Rhetorik zurück, die heute als Leitbild des Investitionsverhaltens gilt. Natürlich gibt es weiterhin das klassische Investieren, aber es gibt heute zusätzlich eine Attraktion: Das Investment muß sexy sein, wie mir ein finance manager einmal sagte.
Die Sache muß schnell gehen, viel Geld bringen und die persönliche Reputation erhöhen. Wer viele risky investments tätigt, wird für seine performance bekannt. Aus der Anonymität des klassischen Managements herauskommen wollen die youngsters und berühmt werden für ihr Tun: money heros. In einer hochkompetitiven Gesellschaft wie der der U.S.A nähert sich die investment-scene dem show-bizz, nur mit einer monetär gehaltvolleren bizz-side.
Was das mit Innovation zu tun hat? Nun, dasselbe wie im show-bizz: Man produziert sich selbst als Innovation. Die nicht-innovativen Investitionen werden innerhalb des Reputationswettbewerbs zu Positionierungsinnovationen, die den betreffenden money hero natürlich für weitere Kapitalzuflüsse attraktiver machen. Innerhalb des finance markets werden natürlich immer neue Derivate und andere Anlageformen erfunden, so daß man tatsächlich von einem hochinnovativen Bereich sprechen kann. Man muß sich von der klassischen Produktinnovation verabschieden: Anstatt in Absatzrisiken für innovative Produkte zu gehen, geht man in Geldanlagerisiken: money to money. Eben das wird als Spekulation gebrandmarkt. In einem Artikel im Tagespiegel schlug der Philosoph Sloterdijk kürzlich vor, nach der Arbeiterbewegung müsse es heute eine Unternehmerbewegung geben, die zwischen angemessenen und spekulativen Investitionen zu unterscheiden wüßte. Das ist nett gesagt, aber noch abendländischer Hintergrundaristotelismus, von dem wir, so wir gebildet sind, unauslöschlich gelernt zu haben scheinen, daß das Geldmachen um des Geldmachen willens (chrematistike) unsittlich sei.
Neu an den Geldinnovationen ist ihre hohe Selbstbezüglichkeit, gepaart mit einer Ungeduld, sich in den real profit areas aufzuhalten, mit all der Mühe der Organisation, Arbeit, Unternehmensführung etc. Geld, das Geld heckt, wie Marx in den aristotelischen Grundton einfiel (anstatt schöne Gebrauchswerte zu erzeugen), hat etwas ‘ schlecht Unendliches’, um es hegelianisch zu sagen. Geldinvestitionen, und ihre ständige innovative Gestaltung, die uns heute so auffällt, ist die organisationslose Form des profitmaking. Sie ist hoch kommunikativ, erfüllt alle Attribute der Postmoderne, und nähert sich dem Traum des ‘arbeitslosen’ Einkommens. Natürlich haben die money makers stress, aber es ist der stress des gamblers, nicht der des workers. It’ s even sexy; wir müssen uns daran gewöhnen, daß wir hier eine macht- und lustvolle Seite der Wirtschaft demonstriert bekommen, die Kalkül und Emotion zugleich befriedigt. Der Traum des rationalen Kapitalismus verdünnt sich an dieser Stelle. Aber auch das hatten wir bereits alles bei den großen Aktienspekulationen im vorherigen Jahrhundert (z.B. der Panamakanal-Geschichte und den vielen Eisenbahn-Geschichten). Irgendwann muß ausgezahlt werden. Der Reiz aber liegt gerade darin, vor den anderen das Geld gemacht zu haben.
Eine andere Geschichte ist es, ‘Unternehmer seiner selbst’ zu sein. Hier wird ansatzweise versucht, Organisationen auf höhere Selbstregulation umzustellen, wozu man die traditionellen Arbeiter und Angestellten, die tun, was angeordnet ist, nicht mehr braucht. Gebraucht werden selbsttätige Mitarbeiter, die nicht nur ihre Aufgabe erfüllen (Fachkompetenz), sondern auch deren Organisation und ständige Reorganisation mit bewältigen (Organisationskompetenz). Dafür gibt es das schöne Wort ‘Intrapreneur’. Das wird auf kleine Bereiche eingegrenzt bleiben, weil weder Ausbildung noch innerbetriebliche Sozialisation solche Charaktere hervorbringen. Die hierarchische Organisation, die man ändern will, ist eben das Hemmnis der Ausbildung von change agents, die die Organisation ändern sollen. Im Grunde haben wir es bei den ‘Intrapreneurs’ mit neuen high-potential-Eliten zu tun, die in rasant wachsenden neuen Branchen knapp sind und deshalb diese Arbeitsformen durchsetzen können. Das Management der Unternehmen ist durchaus nicht selbstverständlich in der Lage, deren Zumutungen, die Arbeit selbst zu managen, nachzukommen. Hier kommen noch starke Konflikte auf. Es ist ebenfalls ‘sexy’, zu solchen Eliten zu gehören, aber sie werden die Form der Arbeit nicht durchgängig prägen. Diese Eliten sind tatsächlich innovativ, da sie ihre Qualifikationen in immer wieder neuen settings anbringen müssen.
Als ‘Unternehmer ihrer selbst’ (auch wenn sie sich – hochkompetent – selber out-sourcen und selbständig machen, um in networks weiter mit ihren Unternehmen zusammenarbeiten, nun aber zu Marktpreisen) behandeln sie sich auf neue Art: sie investieren in sich bzw. in ihr human-capital, nämlich durch ständige weitere Ausbildung. Natürlich on the job, nicht nur außerhalb. Sie haben eine Wissen, das sie ständig neu komplettieren müssen, das sich aber niemand so schnell aneigenen kann. Wissen muß, damit es nicht entwertet, per se auf Innovation angelegt sein, zumindest auf Neugierde und Öffnung. Insofern gehen wir in eine neue Epoche, in der organisatorische Innovationen und Wissenserwerb die Formen der Arbeit ändern.
Und das ist eines der Merkmale, die vom ‘Kult des Investierens’ reden lassen: Wir werden aufgefordert, ständig in uns selbst zu investieren, Aufwendungen zu leisten, die uns niemand bezahlt, außer wir bekommen nachher die Jobs, deren Preis wir als Rendite auf unser self-investment abbuchen können. Insofern ändert sich die Welt, indem wir unternehmerartige Umgangsformen einüben. Wenn wir jung sind, gehen wir gerne diese riskanten Investitionen ein; was aber, wenn wir älter werden?
zum Thema: Sie haben vorhin schon davor gewarnt, daß auch eine “Rhetorik der Innovation”, die nur Rhetorik ist, nicht wirkunglos bleibt. Ich möchte deshalb, durchaus im Sinne Foucaults, am Ende unseres Gesprächs jetzt noch explizit nach den Wirkungen eines “Investor-Diskurses” fragen: Welchen Diskurs bringt dieser wiederum in Gang?
Meiner Ansicht nach generiert die Vorstellung einer “Investoren-Ökonomie” das Bild einer Gesellschaft, die in hohem Maße privatisiert ist: Wirtschaftliches Leben und sein (Freizeit-)Umfeld erhält höchste Priorität, während die Politik als unnütz und für den Alltag irrelevant betrachtet wird. Dem privaten, unternehmerischen Menschen gehört die Zukunft; im Cyberkultur-Kultblatt WIRED ebenso wie im Wirtschaftsmagazin ECONY oder in unzähligen Agenturberichten. Die Politik ist in diesem Denken nur noch eine Art Relikt.
Ist das nicht das sehr gefährliche Bild, in das wir uns Schritt für Schritt hineinbegeben, auch mit dieser Idee des “Unternehmers seiner selbst”? Ist folglich nicht das politische System der Nutznießer dieser Investoren-Debatte, da sie hinter dieser gleichsam verschwinden und – endlich! – ungestört ihr Süppchen kochen kann?
Birger P. Priddat: Sie haben Recht: Die ‘Investoren-Ökonomie’ lädt zur Privatisierung ein, aber ich würde das nicht negativ sehen: Wer in der Wirtschaft gelernt hat, aktiv und riskant zu handeln, läßt sich in der Politik so leicht nichts bieten. Gewohnt, Dinge, auch problematische Dinge, in die Hand zu nehmen, werden diese Typen auch in ihrer life area aktiv.
Es ist ja umgekehrt so, daß ‘die Politik’ diese Typen noch nicht verkraften kann, wie man an der leidigen Stollman-Geschichte sah. Ich erwarte viel eher aus diesem Bereich eine Form der active society, die auch active politics einschließt, als von der anspruchshubernden Angestellten- und Beamtenszene, die sich um den Kapitalismus Sorgen hat (und damit um ihre nicht-aktiv erworbenen Besitzstände). Der ‘Investoren-Kult’ wird auch in die politische Szene getragen werden – Ihre Frage nach dem Diskurs.
Wir werden uns allerdings daran gewöhnen, daß Unternehmen Politik machen – allein schon, um eine marode Infrastruktur aufzubessern und Staats- oder Kommunalversagen zu kompensieren, als private/public-partnership. Das wird nicht leicht werden, weil in der Politik die nichtaktiven Teile der Bevölkerung stark oder überrepräsentiert sind. Die active society, deren Diskurs bei uns noch aussteht, ist nicht damit gefördert, indem man jeden Bürger auffordert, irgendwie aktiv zu werden, sondern es bedarf der Kompetenz, die allein in der Wirtschaft momentan gelernt wird.
Ich meine, daß die Wirtschaft – als ‘Investoren-Ökonomie’ – kulturbildend werden wird, auch die politische Kultur ändernd. Ich meine nicht, daß die Politik ihr Süppchen kochen wird, bei all den Unternehmenclichees, die in der Gesellschaft umgehen werden. Denn das Bild ist falsch. Unternehmerisches Handeln gewohnt, wird man den lahmen Staat auffordern, selber investiv zu werden. Die neue Haltung wird sich den Schlendrian nicht bieten lassen und Politik machen, indem sie Politik umgeht. Wir werden es mit neuen Formen des self-government zu tun bekommen, vorerst in den Kommunen, indem man Wissen, Ideen (und Geld) in die Infrastruktur seines Alltags investiert.
Man wird sich allerdings kaum noch mit diesen Parteien abgeben, deren Netzwerke Ansammlungen inaktiver Typen sind. Insoweit muß ich Ihrer Frage Recht geben, daß die neuen Unternehmentypen unpolitischer werden. Sie reagieren allergisch auf die Parteien. Deswegen werden sie neue Formen politischer Macht suchen, politischer Gestaltung. Dazu werden aktive Formen der Arbeitslosigkeit erfunden werden müssen, die nicht tätigkeitslos sind. Die Investitionen gehen dann nicht mehr ausschließlich in persönliches human-capital, sondern auch ins social capital, und zwar zuerst einmal aus ganz persönlichen Erwägungen: nicht in einer Lebenwelt leben zu wollen, die den Erfahrungen und Standards der Arbeitswelt hinterherhinkt.
zum Thema: Prof. Priddat, herzlichen Dank!
Prof. Dr. Birger P. Priddat studierte Volkswirtschaftslehre und Philosophie in Hamburg. Seit 1991 ist er Professor für Volkswirtschaft und Philosophie an der Universität Witten/Herdecke und seit 1995 Dekan an deren Wirtschaftswissenschaftlicher Fakultät. 1998 schrieb er “Moralischer Konsum. 13 Lektionen über die Käuflichkeit.”
“zum Thema:” Nr. 27, 26.3.1999