“Die westeuropäischen Investoren sind in Osteuropa gefragt und willkommen”

ein Interview mit Dr. Margarete Czerny

zum Thema: In den Medien wird das Thema Innovation und damit auch der Investor und die Investments beschworen. Wie steht es um die allgemeine Innovationsbereitschaft sowohl in Österreich als auch im Ausland?

Margarete Czerny: Die Bereitschaft, Investitionen zu tätigen, ist derzeit sowohl in der EU als auch in Österreich vorhanden. Denn die EU-Konjunktur ist relativ günstig, der Konjunkturrückschlag, der Mitte 1998 einsetzte, erweist sich als temporär. Das WIFO erwartet für Österreich im Einklang mit den meisten internationalen Prognosen für 2000 wieder eine Beschleunigung des Wirtschaftswachstums auf 2,6%. In Österreich haben wir noch immer einen Nachholbedarf im Bereich der Integration und der Osterweiterung. Der Druck zur Rationalisierung der österreichischen Industrie ist momentan sehr groß. Dies bewirkt verstärkte die Bereitschaft für Realinvestitionen. Etwa seit Mitte der Neunzigerjahre hält die recht gute Ausrüstungsinvestitionskonjunktur in Österreich an. Um wettbewerbsfähig zu sein, sind die Unternehmen gezwungen, verstärkt Investitionen zu tätigen. Im vergangenen Jahr lagen die realen Ausrüstungsinvestitionen etwa um 7 1/2% über dem Vorjahresniveau, heuer wird sich die Investitionsbereitschaft auf 5% nur etwas abschwächen und im nächsten Jahre wieder auf 6 1/2% steigen. Demnach können wir mit einer jährlich Steigerung zwischen fünf und sieben bei den Investitionen im Ausrüstungsbereich rechnen. Diese günstige Investitionskonjunktur wird auch durch die gute Exportkonjunktur unterstützt. Mit ihr steigen auch Ausrüstungsinvestitionen. Auch die Gewinnsituation der österreichischen Industrie ist derzeit recht gut. All dies wirkt sich recht positiv auf die Investitionstätigkeit in diesem Bereich aus.

zum Thema: Sollen die Strukturschwierigkeiten der letzten Jahre durch Investitionen bereinigt werden?

Margarete Czerny: Es ist sehr wichtig, daß Strukturschwächen mit Neuinvestitionen bereinigt werden. In der ersten Hälfte der Neunzigerjahre wurde kaum etwas investiert. Jetzt gibt es einen starken Nachholbedarf an Rationalisierungsinvestitionen.

zum Thema: Wie wirkt sich das sehr günstige Inflationsklima aus? Wir haben eine sehr niedrige Inflation, deswegen auch sehr niedrige Zinsen. Spürt man auch diesbezüglich Auswirkungen im Investitionsbereich?

Margarete Czerny: Natürlich wirken die niedrigen Zinsen stimulierend auf die Investitionstätigkeit. Der langfristige Zinssatz liegt etwa bei vier Prozent, der kurzfristige bei drei Prozent. Das ist eine Zinsenlandschaft, die es seit Jahrzehnten nicht mehr gegeben hat. Dies wirkt sich auf die Investitionsentscheidungen günstig aus.

zum Thema: Wie sieht es mit den Strukturbereinigungen aus? Wie weit haben die Investitionsschübe schon gegriffen?

Margarete Czerny: Strukturbereinigungen haben teilweise gegriffen. Die österreichische Industrie mußte sich einem verstärkten Wettbewerb stellen. Gegenüber allen anderen Handelspartnern haben wir einen Rückgang der Lohnstückkosten von acht Prozent zu verzeichnen. Diese Position zwingt auch dazu, verstärkt Investitionen zu tätigen, um mehr Spielraum zu schaffen. Der Druck, verstärkt Investitionen zu tätigen gilt auch für die nächsten Jahre.

zum Thema: In welche Richtungen gehen diese Investitionen? Wie wirkt sich das in weiterer Folge auf den Arbeitsmarkt aus?

Margarete Czerny: Den Rationalisierungsdruck gab es vor allem in der Nahrungsmittelindustrie, aber auch in anderen Branchen. Das wirkt sich natürlich auch indirekt auf die Beschäftigungssituation aus. Wir haben derzeit einen leichten Zuwachs in der Beschäftigung, wir hoffen, daß es auch heuer so bleiben wird. Wir haben eine sehr, sehr niedrige Inflation. Anders ist die Situation bei den Bauinvestitionen.

zum Thema: Wie ist es also um die Baubranche bestellt?

Margarete Czerny: Österreich hat Jahre des Baubooms, durch die starke Wohnbaukonjunktur, hinter sich. Seit dem zweiten Halbjahr 1998 kam es zu merklichen Rückgängen vor allem im Wohnungsneubau. Dies hat einen starken Einfluß auf das Gesamtergebnis der Bauwirtschaft , sodaß wir im Jahr 1999 und 2000 nur mit geringen Zuwachsraten zu rechnen ist (+1,5% bis 1%). Diese Zuwachsraten sind vorwiegend auf die noch gute Konjunktur im Baunebengewerbe zurückzuführen. Mit dem Auslaufen der Mietzinsreserve Ende 1999 werden allerdings diese Impulse weitgehend wegfallen.

zum Thema: Es besteht also ein konjunkturbedingter Rückgang in der Baubranche. Welche Ursachen spielen noch mit?

Margarete Czerny: Wir haben vor allem eine Sättigung in der Nachfrage. Die Kapazitäten wurden besonders im Wohnungsbau, sehr stark ausgeweitet. Der Bauboom im Wohnungsneubau ist nun vorbei. Im Gegensatz dazu gibt es eine Nachfrage im Hochbau, vor allem im Wirtschafts- und Bürobau, der an die günstige allgemeine Konjunkturentwicklung gekoppelt. Auch gibt es einen starken Nachholbedarf in der Infrastruktur, dort werden positive Impulse in den kommenden Jahren erwartet.

zum Thema: Ist es ein österreichspezifisches Problem, oder kann man im ganzen europäischen Raum beobachten, daß die Baubranche Probleme hat? Österreichische Firmen bauen ja auch im Ausland. Das wäre sonst eine Chance….

Margarete Czerny: Die Baukonjunktur ist in ganz Europa eher schwach, deutlich schwächer als die Gesamtkonjunktur, etwa um ein, zwei Prozentpunkte. Das ist auch darauf zurückzuführen, daß in ganz Europa die Wohnungsnachfrage sehr mäßig ist. Einige Impulse kommen europaweit vom Wirtschaftsbau und von der guten Konjunktur, sodaß die europäische Bauwirtschaft mit Zuwachsraten bis 2000 von etwa 2% derzeit rechnen kann.

zum Thema: Welche Rolle spielt im Baubereich heute noch der Staat als einer derjenigen, der immer sehr viele Bauaufträge vergeben hat? Merkt man auch einen Rückgang der Bauaufträge? Und spielt das auch in der gesamten Lage dieser Branche eine Rolle?

Margarete Czerny: Investitionen des Staates spielen in der Bauwirtschaft eine sehr große Rolle. Sie wurden in allen Ländern durch Konsolidierungsmaßnahmen in den vergangenen Jahren beeinträchtigt. Meist wurden die Ausgaben für öffentliche Investitionen, für Infrastrukturinvestitionen deutlich gekürzt, sodaß wir dadurch in den vergangenen Jahren eine deutliche Verringerung der Investitionstätigkeiten im Tiefbau hatten. Aber nun sind die Konvergenzkriterien erfüllt, und der Staat betreibt keine so stark restriktive Budgetpolitik mehr. Private Finanzierungsmodelle werden immer mehr an Bedeutung gewinnen.

zum Thema: Wie sieht es aus der Sicht der Bauwirtschaft von innen aus?

Margarete Czerny: Die Bauwirtschaft wird in Österreich damit rechnen müssen, daß sie deutliche Rückgänge im Wohnungsneubau haben wird. Günstigere Perspektiven sind aber nur für 1999 im Ausbau und Sanierungsbereich gegeben. Wenn hier nicht noch starke Impulse gesetzt werden, wird ab 2000 auch die Nachfrage im Sanierungsbereich deutlich nachlassen. Derzeit sind die Aussichten für Infrastrukturinvestitionen recht günstig. Die neuen Programme im Straßen- und Bahnausbau lassen einige Impulse erwarten.

zum Thema: Welche Konsequenzen könnte das langfristig haben? Die Bauwirtschaft hat immer eine zentrale Rolle in der Gesamtwirtschaft gespielt. Kann man damit rechnen, daß ein geringer Zuwachs in der Bauwirtschaft sich auf die gesamtwirtschaftliche Lage auswirkt?

Margarete Czerny: Die Bauwirtschaft hatte immer einen sehr hohen Multiplikatoreffekt, wenn die Bauwirtschaft unterdurchschnittlich wächst, hat dies einen dämpfenden Einfluß auf das gesamtwirtschaftliche Wachstum.

zum Thema: Kann man damit rechnen, daß der Staat wieder eine stärkere Rolle spielen wird, nachdem die Richtlinien erfüllt sind? Würde das einen Schritt in eine positivere Richtung bedeuten, wenn es wieder stärkere Investitionen gäbe?

Margarete Czerny: In Österreich wird wieder verstärkt in Infrastruktur investiert, sowohl in die Straße als auch die Schiene. Und die Infrastruktur ist auch wesentlich für den österreichischen Wirtschaftsstandort. Dem Ausbau der Schieneninfrastruktur steht ein Finanzierungsvolumen von 143 Mrd. Schilling zur Verfügung. Davon sollen jährlich 12 Mrd. zum Einsatz kommen, 1998 wurden rund 10 Mrd. investiert. Außerdem sollen die Verkehrsverbindungen in Richtung Ostgrenze in Angriff genommen werden.

zum Thema: Und europaweit?

Margarete Czerny: In den anderen westeuropäischen Ländern dürfte der Nachholbedarf nicht so ausgeprägt sein wie in Österreich. Wir haben wegen der unmittelbaren Grenze zu den osteuropäischen Ländern einen verstärkten Ausbaubedarf der Infastruktur in den Osten.

zum Thema: Es wird einen Kongreß in Prag geben, der sich mit diesen Problemen beschäftigt. Was sind die Perspektiven, die man dort zeigen möchte?

Margarete Czerny: Die nächste Euroconstruct-Konferenz wird von 11. bis 12. Juni in Prag, im Hotel Mariott, stattfinden. Dort werden sich etwa 200 Teilnehmer der größten europäischen Unternehmen treffen, um über die Perspektiven für der Investitionen in West- und Osteuropa, und speziell über die Entwicklung der Bauinvestitionen im Hoch- und Tiefbau sowie über Infrastrukturinvestitionen informieren. Das WIFO veranstaltet gemeinsam mit dem tschechischen Partner URS in Pragt diese hochrangige Konferenz. Ein besonderer Schwerpunkt wird auf die Perspektiven der EU- Beitrittskanditaten im Bereich der Investitionen und deren Änderungen und Anpassungen gelegt werden. Neben dem tschechischen Vize-Premierminster wird auch die Europäische Kommission über die jüngsten Perspektiven des Erweiterungsprozesses referieren. Die Anpassungsprozesse – besonders am Investitions- und Bausektor – der neuen Beitrittskandidaten werden ein Schwerpunktthema sein.

zum Thema: Und welche Anpassungsprozesse sind das?

Margarete Czerny: Es geht vor allem um Anpassungen in den Bereichen der Umstrukturierung der Betriebe, vor allem auch um die Restrukturierung und um die Anpassung an EU-Standards. Es wird auch diskutiert, welche Erfahrungen jene Länder gemacht haben, die jüngst der EU beigetreten sind.

zum Thema: Wie sieht es mit der Bauwirtschaft im Osten heute aus? Ist noch immer ein großes Volumen vorhanden, auch für österreichische Firmen? Man hat lange Zeit gesagt, daß die Österreicher diesen Markt verschlafen haben …

Margarete Czerny: Die osteuropäische Bauwirtschaft wächst drei Mal so stark wie die westeuropäische. In Ost-mitteleuropa haben wir haben in den nächsten Jahren ein stabiles Wachstum von 6 bis 7%. Um das Wachstum in den osteuropäischen Staaten zu stützen, müßten die Bauinvestitionen aber noch stärker wachen. Die westeuropäischen Investoren sind in den Reformstaaten sehr gefragt und willkommen. Es gibt einen großen Baubedarf, besonders was die Infrastruktur betrifft, aber auch im Geschäfts- und Wirtschaftsbereich. Ein Bereich, der sehr zukunftsorientiert ist, ist der gesamte Wohnbau und Renovierungsbereich. Dieser wurde bisher sehr vernachlässigt. Künftig, wenn sich die Einkommenssituation ein wenig stabilisiert, wird auch der Wohnungsmarkt in den Oststaaten ein enorme Chancen eröffnen.

zum Thema: Kann man das Volumen abschätzen, umgerechnet in Schilling oder Euro?

Margarete Czerny: Der gesamte Baubedarf in Osteuropa ist schwer abzuschätzen, ist aber enorm groß. Beispielsweise liegt die Wohnbauproduktion derzeit in Ost-Mitteleuropa bei einer Wohnung pro tausend Einwohner, in Westeuropa bei fünf. Allein die Wohnbauproduktion könnte in Osteuropa vervielfacht werden.

zum Thema: Frau Dr. Czerny, herzlichen Dank für das Gespräch!

 

Dr. Margarete Czerny leitet das Referat für Bau- und Wohnungspolitik am Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (Wifo). Sie ist anerkannte Expertin für bau- und wohnungspolitische Fragen im In- und Ausland, Beraterin von wirtschaftspolitischen Entscheidungsträgern, Mitglied und Mitarbeiterin bei verschiedenen in- und ausländischen Institutionen u. a in parlamentarischen Ausschüssen, Konsulentin bei der Weltbank, Veranstalterin zahlreicher Konferenzen zum Thema Wohnungswirtschaft, internationale Perspektiven der Bau- und Wohnungswirtschaft.

 

“zum Thema:” Nr. 27, 26.3.1999