“Börse ist zum Thema geworden”
ein Interview mit Dr. Johann Schmit und Elmar Takacs
zum Thema: Laut “WirtschaftsWoche” stand im Spätfrühjahr des letzten Jahres in München ungefähr eine Milliarde Risikokapital für potentielle Anleger zur Verfügung, bereitgestellt von ausländischen, speziell angelsächsischen Beteiligungsgesellschaften. Kann Österreich mit etwas Ähnlichem aufwarten?
Elmar Takacs: Ja, es gibt in Österreich auch Risikokapital. Wir haben unlängst eine Veranstaltung in Verbindung mit “Business Angels” gehabt. “i²” ist eine Börse, die Risikokapital für Unternehmen sucht und solche Projekte vorstellt. Dieser Bereich von Plattformen für die Eigenkapitalaufbringung ist in Österreich im Wachstum begriffen.
zum Thema: Welches Volumen steht jetzt schon zur Verfügung? Kann man heute schon konkrete Zahlen nennen?
Johann Schmit: Es ist einerseits das Investorenpublikum, das national und international auf der Suche nach lukrativen Angeboten ist. Andererseits hat der österreichische Markt ein gigantisches Potential: Die österreichischen Haushalte haben ein privates Sparvermögen von unvorstellbaren 3,2 Billionen österreichische Schilling, davon ist ungefähr die Hälfte in Sparbüchern gebunden, der Rest in Investmentfonds, Versicherungen, Pensionskassen, Anleihen und ganz wenig, nämlich 2% dieser Gesamtsumme, in Aktien. Anders gesagt gibt es
hier im Aktienbereich ein gigantisches Potential aus den Spargeldern. Wenn nur die Zinserträge aus 1,6 Billionen Schilling in die höherwertigen Sparformen, Anlageformen umgelenkt werden würden, wäre das ein kräftiger Schub für unseren Markt.
zum Thema: Wen suchen Investoren, wenn sie nach Östereich kommen? Sind das eher Firmen aus traditionellen Branchen, wie etwa Versorger, die Holz- oder Papierindustrie? Welcher ausländische Investor investiert in Österreich in welche Branche?
Johann Schmit: Ein ausländischer Investor sieht sich erst einmal die Volkswirtschaft des Landes an. Die ökonomischen Daten der “Firma Österreich” sind exzellent. Wir haben die niedrigsten Inflationswerte seit dem Zweiten Weltkrieg, den höchsten Beschäftigungsstand in der Geschichte dieses Landes, über dem EU-Durchschnitt liegende volkswirtschaftliche Wachstumsraten, unser Budgetdefizit ist unter den Maastricht Kriterien und ist im Sinken begriffen. Diese Daten und die Unternehmensprognosen sind exzellent. Weniger bekannt sind die Unternehmungen, die entweder direkt oder über solche Vehikeln wie die “Business Angels”, die Mittelstandfinanzierungsgesellschaft UIAG oder andere an der Börse notieren. Das internationale Interesse ist bedauerlicherweise noch zu gering.
Die Landschaft unserer börsennotierten Werte ist genauso aufgeteilt wie an jeder anderen Börse: Es gibt Blue-chips und interessante Mid Cap (= junge Mittelstandunternehmen) and Small chips (= rasche wachsende, noch “Kleine”). Auf diesem Ladentisch wird sich der Investor umsehen und sich aussuchen, was für ihn interessant ist. Wichtig ist, daß seit dem Euro das Denken in Schilling wegfällt, d.h. das Interesse in Branchen liegt. Wenn ein Anleger, um ein aktuelles Beispiel zu nehmen, in Banken unterwegs ist, dann wird er sicherlich die zur Zeit sehr attraktiven österreichischen Titeln wählen, noch dazu da sie von internationalen Häusern momentan empfohlen werden. Die Qualität wird von einem Kurs/Gewinn-Verhältnis bestimmt. Ist es niedrig, heißt das, daß man in Zukunft ein großes Potential auf der Kursseite, ein großes Steigerungspotential, erwarten kann. Mit einem K/G-V-Schnitt von dreizehn gegenüber vielleicht zwanzig, fünfundzwanzig möglichen sind unsere Aktien zur Zeit im internationalen Vergleich sehr günstig. Ein Investment lohnt sich, weil eine Steigerung zu erwarten ist bzw. kaum anzunehmen ist, daß diese dreizehn sich dramatisch nach unten bewegen. Sie sind nach unten sehr gut abgesichert und haben ein stolzes Wachstum in Aussicht.
zum Thema: Wie sieht es mit Firmen aus, die noch nicht an der Börse notieren? Versucht man, ihnen diesen Sprung zu ermöglichen, indem man auch ihnen Investoren vermittelt?
Johann Schmit: Der Anteil der österreichischen Aktionäre am Markt ist von 3,8 auf 4,6% gestiegen. Das ist eine Steigerung von rund 20%; von der Steigerungsrate aus gesehen, sehr stolz, vom Gesamtanteil aus sehr niedrig. Unsere Liquiditätsmaschine kann nur vom ausländischen Interesse getragen werden. Daher bemühen wir uns besonders um das ausländische Kapital.
Elmar Takacs: Für uns ist es wichtig, daß wir so früh wie möglich eine Zusammenarbeit mit Unternehmen suchen, die in Frage kommen, an der Börse ein Listing anzustreben. Viele Investoren suchen junge Unternehmen die an die Börse gehen. Je früher man diesen Kreislauf beginnt, die Börse vermarktet und die Chancen aufzeigt, die Unternehmen haben, wenn sie an die Börse kommen, und je früher man zeigt, daß Wien ein attraktiver Platz ist, desto besser. Wir wollen Plattformen zur Verfügung stellen, wo Unternehmen sich präsentieren können, auch vor internationalen Investoren. Wir vermarkten auch die gelisteten Unternehmen im Ausland, etwa mit Roadshows. Es passiert im Umkreis der Börse sehr viel. Es ist nicht unsere Aufgabe, Investoren für Unternehmen zu suchen, aber wir wollen alle Initiativen, die sich damit beschäftigen, unterstützen. Wir haben mit einigen Gruppen wie zum Beispiel “i²” oder UIAG Gespräche geführt. Es geht darum, auch bei Veranstaltungen präsent zu sein, die Börse zu repräsentieren und Kontakte zu vermitteln.
zum Thema: Bleiben wir beim Stichwort Plattform. Vielleicht kann man mit Hilfe von Beispielen eine solche Plattform näher beschreiben.
Elmar Takacs: Wir haben darüber nachgedacht, interessante Firmen einzuladen, nach gewissen Selektionskriterien auszuwählen und Investoren anzusprechen. Die Firmen haben dann die Möglichkeit, in einer Art Beauty Contest ihre Chancen zu präsentieren. Auf diese Weise können Investoren gefunden werden.
zum Thema: Welche Selektionskriterien sind das?
Elmar Takacs: Es gibt viele Selektionskriterien, etwa eine Aufgliederung nach Branchen oder nach Zeitpunkten des Börsegangs. Interessant ist der Telekommunikationsbereich und alles, was mit Software und dem Internet zu tun hat. Das sind derzeit die interessantesten Branchen. Das heißt nicht, daß andere Sektoren uninteressant sind, aber Investoren suchen schon sehr häufig Branchen, die mit dem Telekommunikationsbereich zu tun haben.
zum Thema: In welche Richtung geht der Trend im Moment? Der “Economist” hat festgestellt, daß man sich in den USA als Investor in bereits etablierte Branchen hineinbewegt und eher weniger riskiert. Kann man das bei uns auch feststellen?
Elmar Takacs: Ich glaube, einen generellen Trend kann man nicht ableiten. Es kommt wirklich individuell auf den Investor und seine persönlichen Schwerpunkte an.
zum Thema: Ist die Größe auch ein Kriterium?
Elmar Takacs: Gerade im Bereich Telekommunikation oder Internet sind die Firmen sehr klein und wachsen sehr schnell. Als Investor muß man versuchen, so früh wie möglich dabei zu sein. Denn diese Unternehmen können in einem Zeitraum von ein, zwei Jahren den Umsatz verdoppeln, verdreifachen, vervierfachen. Ich glaube, als strategischer Investor muß man diese Firmen so früh wie möglich kontaktieren, um bei einem Projekt
einzusteigen. Es ist auch billiger als später einzusteigen.
zum Thema: Und was würden Sie umgekehrt den Firmen raten? Wie sollten die strategisch vorgehen?
Elmar Takacs: Die Firmen sollten auf soliden Beinen stehen und auch im Bereich Vermarktung sehr viel unternehmen. Die Präsentation ist ganz wesentlich.
zum Thema: Präsentation im Sinne von Werbung oder Darstellung vor dem Investor?
Johann Schmit: Werbung ist sicher notwendig, aber der Erfolg eines Börsegangs liegt in der Transparenz, in der Information. Was ist die Unternehmung? Wie sieht das Produktionsprogramm aus? Was ist die “sparkling” Erfolgsstory, die die Unternehmung schreiben möchte? Wenn jemand vorhat, Eigenmittel von der Börse zu beschaffen, dann muß er dem Investor, der sich an der Unternehmung beteiligt, schmackhaft und verständlich machen, wo die Zukunft der Firma liegt. Er muß ihm zeigen, warum er sein Geld in die Unternehmung investieren soll und warum er in Zukunft Kurssteigerungen oder Dividenden erwarten kann. Das ist nur möglich, wenn laufend über die Branche ehrlich berichtet wird, mit allen Auf- und Ab- Bewegungen. Ein Investor, der in eine junge, rasch expandierende Unternehmung investiert, ist auch bereit, Rückschläge in Kauf zu nehmen, nur erwartet er, davon so früh und umfangreich wie möglich informiert zu werden.
zum Thema: Stichworte wie Risikokapital waren vor zehn Jahren noch kein wirklich großes Thema. Was hat denn eine Veränderung bewirkt?
Johann Schmit: Börse ist zum Thema geworden. Wenn Sie irgendeine Tageszeitung von heute mit einer von vor zehn Jahren vergleichen, wird Ihnen auffallen, in welchem Umfang über die Börse berichtet wird. Als aktuelles Beispiel wird der “Kurier” seinen Kurskasten auf die gesamte Druckseite und wird die gesamte Wirtschaftsberichterstattung von vier auf acht Seiten erweitern. D.h. etwas, das vor wenigen Jahren noch unvorstellbar war, geschieht ständig. Auch im alltäglichen small talk ist Börse zum Thema geworden. Dieses erotische Element des Börsengesprächs hat eine Reihe von Gründen: Unternehmungen stehen in einem viel schärferen Wettbewerb und brauchen finanzielle Mittel. Zweitens wollen die Leute für ihren Lebensabend vorsorgen oder für Wohnungen ansparen. Keiner gibt sich mehr mit einer einfachen Verzinsung zufrieden. Wenn über große Firmenzusammenschlüsse und Börsengänge gesprochen wird, möchte man gerne mit dabei sein. In unserer Region sind wir dabei, Börse zum Thema zu machen, aber wir stecken vielleicht in der Überschrift oder im Untertitel, aber noch lange nicht in der Geschichte. Wir sind für alles dankbar, wenn uns jemand in irgendeiner Form hilft.
zum Thema: Ist das eine Pespektivenverschiebung oder hat sich auch strukturell etwas verändert?
Johann Schmit: Es ist ein Paradigmenwechsel. Börse war etwas Unbekanntes oder etwas Schmutziges. Man glaubte, es würde sehr einfach, sehr undurchsichtig von Wenigen auf Kosten anderer Geld gemacht. Jetzt erkennt man, daß das Thema Veranlagung doch etwas Seriöses ist.
zum Thema: Wie schätzen Sie die Entwicklungen für die Zukunft ein, speziell auf den Investor bezogen? Wird noch ein größeres Potential entstehen, als es im Moment der Fall ist? Nach wie vor sind ja, wenn es um Risikokapital geht, Banken bzw. Kreditgeber die wirklichen Ansprechpartner von Firmen. Wie wird sich das in den nächsten Jahren verschieben?
Johann Schmit: Überall dort, wo qualitativ gute Information entsteht, wird das Börseinteresse größer werden. Ob es die Printmedien sind, insbesondere Free TV, Spartenfernsehen, oder alles, was in der Web-Welt passiert. 11% der Web-User sehen sich Börseninformationen an, ein Drittel im Internet beschäftigt sich mit dem Wirtschaftsbereich. Information ist ja kein Selbstzweck, sondern mit ihr möchte man auch einen monitären Erfolg verknüpft sehen. Es wird sicher auch noch eine Reihe von anderen Instrumenten und Vehikeln geben, die das Thema Börse verbreiten. Viele Menschen werden in diesen Bereich einsteigen, von denen man es sich früher nie erwartet hätte. Auch Gruppen, die früher nicht einmal einen Kurszettel in die Hand genommen haben, geschweige denn in eine Bank gegangen sind, können und werden rund um die Uhr und wo immer sie wollen ihre Informationen holen und dann auch umsetzen.
zum Thema: Und die Investoren?
Johann Schmit: Investor ist jeder.
zum Thema: Von seiten der ausländischen, größeren Investoren wird das Interesse auch wachsen?
Johann Schmit: Ganz sicher. Es gibt den EU-Schub. Der Vorteil, daß wir voriges Jahr den EU-Vorsitz hatten, besteht in der internationalen Anerkennung der Mitgliedschaft Österreichs in der EU. Und wir sind als Nettozahler wahrgenommen worden. D.h. daß wir eine sehr gesunde, herzeigbare Volkswirtschaft haben.
zum Thema: Danke für das Gespräch.
Elmar Takacs (32) ist Direktor der Abteilungen “Issuers Austria” und “International Sales” und ist seit 1991 bei der ÖTOB/Wiener Börse. Takacs Hauptaufgaben sind die Gewinnung und Betreuung österreichischer Unternehmen (Börsengänge) sowie ausländischer Marktteilnehmer (Remote Member).
Dr. Johann Schmit (51), Pressesprecher der Wiener Börse war vor seiner ÖTOB/Wiener Börse AG-Tätigkeit, PR-Referent der RZB und einiger Raiffeisentöchter, davor Gründer der SchmitComputerSatz, Redakteur und Universitätsassist. Das “trend Leasing Handbuch” und das “Handbuch für Wertpapiere” sind seine populärsten Publikationen.
“zum Thema:” Nr. 27, 26.3.1999