Mords Renditen

Sind Sie Shareholder von British Aerospace, Lockheed oder Daimler Benz? Dann sind Sie ein Glückspilz oder ganz einfach ein nüchterner, der modernen Wirtschaftsdynamik hochangepaßter Geist. Modern im klassischen Sinne, denn in Krisensituationen in die Rüstungsindustrie zu investieren, ist ein alter, niemals aus der Mode kommender Hut: Rüstung rechnet sich, wenn’s kracht. Ein guter Krieg ist immer noch die beste Garantie für Rentabilität der Rüstungsindustrie. Nicht immer gleich, aber mittelfristig todsicher. Denn nichts ist so gewiß wie das Amen im Gebet als die Keule auf die Rübe des Vis-à-vis.
Und die Keulen der Postmoderne sind alles andere als billige Holzprügel – im Gegenteil: 26 Milliarden Schilling kostet etwa ein hochmoderner Stealth Bomber, auch wenn einer der unsichtbaren Hightech-Vögel den Serben gleich dumpf um die Ohren gekracht ist wie Stein.
Im Innovationsbereich – also gerade in der Rüstung – die Konkurrenz aus den Augen zu verlieren kann böse ins Auge gehen. Angeblich sei der stählerne Adler keineswegs wegen Verdauungsstörungen, sondern dank des neuartigen tschechischen Radarsystems “Tamara” unfreiwillig zu Boden gegangen. Das geniale Stück ex-sozialistischer Hochtechnologie pflegt nämlich keineswegs eigene Wellen auszusenden, sondern ortet Objekte aufgrund derer ausgesendeten Signale.
Zu dumm, daß sich die Konsortien des Stealth Bomber niemals um jene tschechische Firma gekümmert haben. 1990 ging sie pleite, nicht ohne zuvor ein, zwei ihrer Enttarnungs-Systeme an das Milosevic-Regime und einige Stücke an Rußland verkauft zu haben, wie Insider-Kreise durchsickern ließen.
Saddam Hussein, treuer Liebling im internationalen Waffenhandel, hatte die damalige Zwangsversteigerung wohl verpaßt, weshalb ihm die “Tarnkappen-Bomber” im 2. Golfkrieg 1991 böse um die Ohren geflogen waren. War doch der “Wüstensturm” zur Befreiung Kuwaits nicht nur das Debüt des bis dato sagenhaften unsichtbaren Vogels, dessen Entwicklung unsagbare Summen verschlungen hatte; vielmehr war jener Krieg für den Herrn Weltpolizisten USA ein ökonomischer Volltreffer – eine hochrentable Investition. Außenpolitisch hatten die Unterstützungszahlungen der Alliierten an den großen Bruder dessen Kriegskosten mehr als aufgewogen – der Golf-Champion stürmt seither von einem Wachstumsschub zum nächsten! – und innenpolitisch war die dringend nötige Legitimität für das Zwei-Billionen-Dollar-Aufrüstungsprogramm der Reagan-Ära endlich geliefert worden.
Nunmehr raunzt man nicht, die Militärs würde man “trotz” Ende des Kalten Krieges brauchen, vielmehr heißt es “Heute mehr denn je!”, denn die Welt ist schlecht, und nur die tapferen US-Boys können der Welt helfen!
Na Gott sei dank, sonst erginge es den Kosovo-Albanern noch übler als ohne die NATO-Bomben, und Milosevic würde noch ungehinderter wüten, waren doch seine Massaker – angeblich – längst geplant…

Gerechter Krieg hin oder her – die Frage ist längst obsolet. Das Wunderbare der postmodernen Investoren-Ökonomnie, die weder so postmodern noch so Investoren-krönend ist, liegt in der Auflösung der Rechtfertigungsfrage, weil ethisch-moralische Probleme in einem zunehmend komplexen, vernetzten, selbstreferenziellen System unlösbar, widersprüchlich, ja absurd sind. Auch der Vatikan muß sein Kapital über fünf Ecken in Waffen-, Verhütungsmittel- und Porno- (weil Medien-)industrien stecken. Das “Netz” des Kapitals – das eher einem gasförmigen Stoff gleicht, der in alle Räume dringt, in denen es sich ausbreiten kann – ist der Motor und zugleich der Treibstoff des konsequenterweise monetären Wirtschaftssystems. Ohne Cash geht gar nichts. Außer man ist Kamelnomade in der Ténéré – und dort schließen sie auch schon wegen Unrentabilität…

Nicht “umsonst” verweigerten die wichtigsten Personenminen-produzierenden Staaten wie die USA, Frankreich und Italien die Ratifikation der Konvention zum Verbot jener “für arme Länder kostengünstigen Methode zur Grenzsicherung”, wie argumentiert wurde. Auf Kosten der Zivilbevölkerung, zugunsten einiger weniger Shareholder.
“Umwegrentabilität” im Sinne einer umfassenden Kostenanalyse – während der Öko-Ära noch eine beschworene Heilsformel – muß in Zeiten der knallharten monetären Abrechnung durch den Rost der Bilanztabelle fallen. Wer schnelle Firmenerfolge vor den Investoren und schnelle politische Erfolge vor den Wählern präsentieren muß, wird zur Kosmetik von Bilanzen gezwungen. So heißt das Modewort der modernen budgetären Schönheitschirurgie auch “Auslagerung” – auf Kosten der Steuerzahler, der Umwelt, des internationalen Gleichgewichts oder einer massakrierten, ausgehungerten oder marginalisierten, aber unbedeutenden Bevölkerung – wie der Minenopfer.
Der Krieg ist eine der letzten Bastionen der öffentlichen Hand. Hier darf der Staat noch ohne jede (ehrliche) Reue seine Instrumente der Zentralgewalt subventionieren, darf Gelder im großen Rahmen ungestraft “investieren”, während anderswo der scharfe Wind der Wettbewerbsentzerrung bläst. Es geht schließlich um den Schutz von Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Humanität. (Gut zu wissen!)

Money talks. Und im Krieg schreit das Geld vom Himmel. Der (Bomben-)Konsum wird angeheizt, die Innovation stößt an ihre Bewährungsgrenzen und zeigt Lücken für potentielle Investitionsräume auf – wie für ein Anti-Anti-Radarsystem (oder einen besseren Geheimdienst?) Damit werden unendlich viele Arbeitsplätze in den waffenproduzierenden Ländern und deren Zulieferfirmen gesichert oder gar neu geschaffen. Durch die “kreative Zerstörung” der serbischen (oder auch irakischen: beliebiges Nicht-OECD-Land einsetzen) Infrastrukturen winken den westlichen Firmen milliardenschwere Wiederaufbauprogramme.
Weshalb sich alle Welt auch über die Auslieferung der mutmaßlichen libyschen Lockerbie-Attentäter freut: Binnen 90 Tagen sollen die umfassenden Embargos gegen Libyen aufgehoben werden. Und Gadhaffis Einkaufsliste ist – nach all den Jahren der Abstinenz – entsprechend lang….

Mazedonien erlebt zur Zeit einen Wirtschaftsaufschwung. Dank der zahlreichen internationalen Hilfsgelder zur Versorgung der Flüchtlingsströme blüht die regionale Konsumindustrie und der Handel auf, weshalb sich mancher Mazedonier kein so baldiges Ende des Kosovo-Krieges und des Flüchtlingssegens wünschen wird – solange die Rendite stimmt!

Darum packen die eifrigen Weltpolizisten auch genau dort mit Brachialgewalt an, wo sich die Einsätze teuer Raketen lohnen. Und die öffentliche Meinung!
Gelang es noch im Golfkrieg nur unter Aufwendung juristischer Spitzfindigkeit, den Bombenteppich über den Irakis als UN-Aktion nach Artikel 43 der UNO-Charta gelten zu lassen – was völkerrechtlich alles andere als sauber war, so spielen dererlei Fragen für die öffentliche Meinung der neuen Lewinsky-Generation keine Rolle mehr:
Heute, da die UNO für die USA zum lästigen, trägen und unrentablen Sprachrohr für Dritte-Welt-Länder und neuerdings auch zum Tanzboden für Emporkömmlinge wie Indien und China verkommt, machte sich die NATO nicht einmal mehr die Mühe, den Sicherheitsrat um seinen Segen zu bitten. Und Rußland, das korrupte Kreditfaß ohne Boden und ohne einsatzfähige Streitmacht, fragt längst keiner mehr. Also hopp, und los! Bomben auf Serbien!

Alle sind glücklich – zumindest alle, die zählen.
Die NATO läßt sich von der (relevanten) Welt als schlagkräftiger Retter zelebrieren und erringt sich – wie die US-Rüstung acht Jahre zuvor – endlich ihre Existenzberechtigung;
die EU steht nicht mehr wegen ihrer korrupten Kommission, sondern wegen ihrer “humanitären Einsatzbereitschaft” im Medieninteresse;
die Kosovo-Albaner dürfen sich als vor den Schergen des Milosevic gerettet betrachten (behaupten das die Kosovo-Albaner auch? Und zu welchem Preis?);
Milosevic amüsiert sich über abgezogene OSZE-Beobachter, über eine verstummte Opposition und eine zur empörten nationalen Einheit zusammengebomten Bevölkerung;
das Österreichische Bundesheer kann auf eine Welle des Mitleids für seine Blamage und damit auf eine opportune Finanzspritze für den maroden Ausrüstungsbestand hoffen;
und die Medien haben – nach den nestbeschmutzenden Austro-Events wie Fuchs, Lassing und die Patznaun-Lawinen – direkt vor der Haustüre Ströme frischen Blutes zum Verwurschten.
Die (Kriegs-)Maschine läuft, Aktienkurse, Reichweiten und Beliebtheitsquoten schnellen in die Höhe, die Shareholder reiben sich die Hände… – und das Wundervollste:
die Österreicher können ihre Großherzigkeit ob ihrer Spendengroschen lobpreisen, von den Medien tausendfach bestärkt.
Der Kosovo-Krieg als Bilderbuch-Investition und Wohlstandsmehrer!

Friedliche Streitbeilegung dagegen ist ein Ladenhüter. Schlimmer noch: führt zum ökonomischen Kollaps. Daß sich der Jemen 1991 in der Golfkrise als damaliger Vorsitzender der Sicherheitsrats gegen eine voreilige Militärintervention und für die Fortsetzung friedlicher Mittel ausgesprochen hatte, bezahlte der junge Staat mit der Einstellung der Entwicklungshilfe-Zahlungen und der Ausweisung der jemenitischen Gastarbeiter durch die anti-irakische Koalition. Das damit verursachte wirtschaftliche Desaster führte 1994 zum Bürgerkrieg. Aber wen stört das schon – außer ein paar Exotik-lüsterne Touristen?

Oder die Westsahara? Zig-Milliarden hat die UNO bislang in das 1991 vereinbarte Referendum über die Unabhängigkeit der von Marokko 1975 überfallenen spanischen Ex-Kolonie investiert. Obwohl vom IGH eindeutig wegen der Aggression verurteilt, konnte König Hassan II. seinen Kampf gegen die sahaurische Unabhängigkeitsbewegung POLISARIO 16 Jahre lang ungescholten fortsetzen. Seit 1991 schweigen zwar die Waffen, doch müssen sich UNO und POLISARIO nunmehr mit der Verzögerungstaktik des marokkanischen Monarchen plagen. Immer wieder wurde das Referendum wegen Hassans Sonderwünschen verschoben – zuletzt auf März 2000.
Ohnedies egal, denn wer einen Blick auf den mangelnden internationalen Druck zur Durchsetzung der UN-Resolutionen gegen den besten und treuesten Freund des Westens wirft (Hassan II. kämpfte 1991 gegen den Irak), weiß, wohin der Rubel rollt. 250 Millionen Dollar kassiert Marokko jährlich allein an EU-Hilfe. Das deckt bereits zwei Drittel der aktuellen Kosten der Westsahara-Okkupation.
Hassan darf die Westsahara als Garantie für sein innenpolitisches Überleben gar nicht hergeben. Zuviel politisches wie wirtschaftliches Kapital steht für ihn – und damit auch für seine (persönlichen) Freunde wie Jacques Chirac oder Hillary Clinton, die ihn erst vor wenigen Wochen besuchte, auf dem Spiel. Dagegen sind die 160.000 sahaurischen Wüstenflüchtlinge in der algerischen Wüste ökonomisch keinen Deut wert – außer sie greifen wieder zu den Waffen. Und selbst dann bleibt Marokko die glänzende Investition – erst recht im neuerlichen Kriegsfall.

Rechtsstaatlichkeit, Völkerrecht, UNO, friedliche Streitbeilegung, Boykott sind ein überkommenes Vokabular im postmodernen Zeitalter der Medienkriege. Sie ziehen nicht, weil langfristige, präventive Hilfsmaßnahmen nicht ziehen, weil sie nicht vermarktbar, medial nicht transportabel sind.
Renditen zeigen sich in der Jahresbilanz, Frieden (außerhalb des Westens) mit seiner langfristigen Umwegrentabilität (für die betroffene Bevölkerung) ist dagegen ein Menschheitsprogramm. Oder etwas für Esoteriker.

Aber das wußten Sie ja bereits – beim Kauf Ihrer Lockheed-Aktien.